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Eine Lippe riskieren

Thursday, December 3rd, 2009

Sie haben es wieder getan! Wer? Die Schweizer natürlich, sie haben das Volk direkt gefragt. Abgestimmt haben sie nicht über den weiteren Bau von Kernkraftwerken, Bahntrassen oder Autobahnen, es ging um den Bau weiterer Minarette. Mit dem Votum einer deutlichen Mehrheit am ersten Advent, zugleich auch Opferfest der Muslime, keinen weiteren Bau von Minaretten mehr zuzulassen, haben sie allerdings vielerorts nicht nur Anlass zu heftigen Debatten, etwa über Religionsfreiheit und die Wahrnehmung verfassungsmässiger Grundrechte gegeben. Über die Schweiz hinaus sind dabei auch andere grundsätzliche Fragen bedenkenswert, wie die nach der Fähigkeit von Politik und Medien Strömungen rechtzeitig und in der Dimension zu erkennen, abzubilden oder darauf zu reagieren. Denn das Wahlergebnis kam für alle Beteiligten offensichtlich völlig überraschend, hatten doch zuvor die Repräsentanten von Politik, Wirtschaft und gesellschaftlich gewöhnlich massgeblichen Kreisen in der Schweiz unisono genau vor den absehbaren Reaktionen eines solchen Entscheids gewarnt und damit geglaubt, einen ausreichend wirksamen medialen Sicherheitskordon um die Wählermeinung gezogen zu haben. Unterstützung für diese Einschätzung kamen wie üblich durch entsprechende Ergebnisse von Umfragen, die alles vorhergesehen und gesagt hatten, nur eben nicht diesen Beschluss. Dass sich das Wahlvolk die Freiheit genommen hat, dennoch anders zu entscheiden, könnte daher auf mindestens zweierlei verweisen: Die kommunikative Kluft zwischen weiten Teilen der Bevölkerung und ihrer politischen Repräsentanz war augenscheinlich noch selten so gross wie in diesen Fragen und die Tauglichkeit der Mittel und Möglichkeiten, dieses rechtzeitig zu erkennen und darauf zielgerichtet zu reagieren, denkbar gering. Um so drängender stellt sich jetzt Fragen wie die, welche zuverlässigen Indikatoren es gibt, die eine vergleichbaren Situation künftig besser durch entsprechend aussagekräftige Frühwarnsysteme vermeidbar machen könnte.

Dass dies eine auch in diesem Land virulente Fragestellung geworden ist, lässt sich schon allein an der ungewöhnlichen Dichte und Breite der Stellungnahmen und Interpretationsversuchen ablesen, mit denen man sich auch hierzulande einen Reim auf dieses Ereignis zu machen versucht. Dahinter verbirgt sich Kenntnis um die entscheidungsrelevante Bedeutung von gefühlten Trends. Denn ohne valides Wissen um Einstellungen und Stimmungen kann Politik keine Stimmen bekommen, zappen die Fernsehkonsumenten in unbekannte Kanäle, gehen Werbebotschaften ins Leere und wandern Kunden ab. Was im Normalfall leicht zu gewinnender Ertrag aus reflektierter Eigenbeobachtung, ergänzt um die einschlägigen Samples methodisch strukturierter Umfragen ist, erweist sich unter den gegenwärtigen Bedingungen als ausgesprochen schwierig. Offenbar verleiten die bislang gängigen Erhebungen zu fehlerhaften Interpretationen. Anders ist es wohl nicht zu deuten, wenn z.B. die Besorgnis in der Bevölkerung vor den sich türmenden öffentlichen Schuldenbergen messbar wächst, während noch andernorts eifrig für deren beschleunigtes Wachstum durch diskretionäre Steuererleichterungen gekämpft wird, oder wenn der Verteidigung unserer Demokratie im Hindukusch weniger Dringlichkeit zugemessen wird als die Verteidigung der von Abwanderung gefährdeten Arbeitsplätze in der Automobilindustrie.

Solche Befunde mit ihren erkennbaren Widersprüchlichkeiten finden allerdings erstaunlich geringen Widerhall in der durch die bekannten Leitmedien konstituierten Öffentlichkeit. Allein schon aufgrund ihrer geradezu ubiquitären Präsenz auf allen Kanälen und zu allen Sendezeiten ist die „Talk-Show“ zum Inbegriff urdeutscher Diskurskultur geworden. Unter strenger Aufsicht einer meist ansehnlichen Themendompteuse treffen dort Politiker auf Politiker und andere glattgeschliffene Meinungsschaffende, die versprochenen Vertreter der platten Wirklichkeit kommen als Trailer oder meist stumme Randgäste gelegentlich als Ausstattungsvarianten vor. In diesem selbstreferenziellen Aufmerksamkeitbeschaffungssystem wird nur der im Bewusstsein der Zuschauer Spuren hinterlassen, der mit seiner Empörungskompetenz alle anderen in den Hintergrund verdrängt, oder sein Themenmantra am sympathischsten lächelnd kameratauglich präsentiert. Was eigentlich Normalität sein sollte, gerät inzwischen zur als mediale Sensation gewürdigt Ausnahme: Die Änderung einer Meinung aus Einsicht in die Beweiskraft eines Arguments! Wenn die medial inszenierte Wirklichkeit zu stark und ohne Korrekturen von der realen Wirklichkeit abweicht, diese sogar dauerhaft aus der öffentlichen Wahrnehmung zu verdrängen versucht, handelt man sich nicht nur im politischen Geschäft Probleme der Fehlsichtigkeit ein. Es gibt gleiche Tendenzen deutlich auch in einigen Bereichen der Wirtschaft zu bemerken, in denen die Neigung zunimmt, kritische Fragestellungen z.B. auf den Hauptversammlungen im Wege einer durchgestylten Regie zu marginalisieren, Mitarbeiterbesorgnisse in Fotostrecken in Hochglanz-Magazinen zu verwandeln und Kundennöte als Problemfälle auszumustern.

Dass aus dieser einseitigen Betrachtungsweise durchaus ernst zu nehmende Probleme erwachsen können, hat schon vor nun über 20 Jahren der damalige Sprecher der Deutschen Bank Alfred Herrhausen zum Thema einer seiner Vorworte gemacht, die er allgemeinen Fragen widmend den Geschäftsberichten der Bank voranstellte. Ihn bewegte die ihn aufgrund eigener Erfahrungen sehr persönlich beschäftigende Frage, inwieweit die Mechanismen der Medien dazu verleiten, ein permanent auf Hochleistung getrimmtes und damit im Endeffekt falsches Bild von einer vorgeblich fehlerlosen Führungselite zu zeichnen. Aus seiner Sicht gehört in der Demokratie als unumgänglicher Korrekturfaktor der vorteilhaft ausgeleuchteten Darstellung ein von ihm als „kommunikativer Gegenverkehr“ bezeichnete ernsthafte Dialog gerade mit den Gegenpositionen dazu. Deswegen forderte er nicht nur in der Bank, sondern auch in den öffentlichen Diskussionen seine Gegenüber dazu auf, durchaus auch mal eine Lippe zu riskieren. Den begründete Widerspruch nicht nur als belebendes Element zu dulden, sondern als Lebenselexier einer offenen entwicklungsfähigen Gesellschaft einzufordern und zu praktizieren, mag vielleicht auch heute wie damals irritieren. Will man vor Überraschungen wie in der Schweiz besser gefeit sein, sollte man ihn mindestens tolerieren, zumal es ja nicht immer eine dicke Lippe sein muss!