Die Beschäftigung mit der Wahrheit ist in mannigfacher Weise ein fester Bestandteil unserer Geistesgeschichte. Während sie für die einen, darunter insbesondere die Kirchen und Philosophen, als unverrückbare Kategorie erscheint, relativieren andere die Unbedingtheit von Aussagen. Während sich die Physiker dabei auf berechenbare Unschärfen im Erkenntnisprozess berufen können, dient die je nach Bedarf und Ziel granulierter Wahrheitsgehalt von Aussagen dem Politiker, aber auch zunehmend den Wirtschaftführern und anderen in der Öffentlichkeit stehenden Personen, vornehmlich der Durchsetzung von sorgsam verborgenen Interessen. Diesen Flexibilisierungsprozess der besonderen Art kommt in aller Kürze in der Steigerungsformel zum Ausdruck, die dem Gründungskanzler unserer Republik, Konrad Adenauer, zugeschrieben wird. Demnach ist die einfache Wahrheit von der vollen und der reinen Wahrheit zu unterscheiden, die man heute entsprechend dem ingesamt textilfreieren Ambiente sich wohl als nackt vorzustellen hat.
Besonders
anschauliche
Ausdrucksformen
für
diese
Sichtweise
bringen
regelmässig
auch
die
Darbietungen
zum
Vorschein,
die
vornehmlich
entlang
des
Rheins
während
der
sog.
Fünften
Jahreszeit
in
Wort
und
Motivwagen
öffentlich
zelebriert
werden.
Die
närrische
Darstellungskunst
konfrontiert
den
geneigten
Betrachter
mit
einer
oftmals
kraftvollen
Aussageplastizität,
die
Tatsachen
in
einer
ungewohnt
wuchtigen
Poesie
darbieten.
So
geschehen
mit
dem
preisgekrönten
Motivwagen
des
Düsseldorfer
Karnevalszuges
der
diesjährigen
Kampagne,
der
unter
dem
Titel
„Kapitulierende
Wölfin“
die
Kanzlerin
beim
Säugen
von
sechs
Banken
und
Unternehmen
zeigt.
Das
ist
in
deutlicher
Anspielung
an
die
Gründungsgeschichte
Roms
eine
plastische
Aussage
zu
der
Gefahr
der
Gründung
eines
Schuldenstaates
durch
Vervielfältigung
der
Staatsabhängigen.
Inzwischen
zeigt
sich
immer
deutlicher,
dass
diese
närrische
Prophezeihung
einen
keineswegs
lustig
zu
nehmenden
Wahrheitsgehalt
zu
bekommen
scheint.
Immer
mehr
Kostgänger
wollen
an
die
staatlichen
Finanzquellen,
teils
notgedrungen,
teils
aber
auch
der
Vorteilsgleichheit
zum
Wettbewerber
willen,
und
ein
Ende
der
Begehrlichkeiten
ist
nirgends
abzusehen.
Das
mag
vielleicht
auch
daran
liegen,
dass
es
der
Politik
generell
schwer
fällt,
nein
zu
sagen,
wenn
es
um
Arbeitsplatzerhalt
und
damit
Stimmgewalt
geht.
Umso
mehr
gilt
dies
in
einer
Situation,
in
der
die
bevorstehenden
Wahlen
geradezu
reflexartig
die
Politiker
in
eine
Rolle
zwängt,
die
ihn
schon
seit
Ciceros
Zeiten
dazu
bestimmt,
dem
Wahlvolk
vorher
nur
Annehmlichkeiten
zu
versprechen,
die
nach
der
erfolgreichen
Wahl
dann
in
Vergessenheit
geraten.
In einer Situation, in der wir uns nach dem allgemeinen Verständnis derzeit befinden, nämlich in einer wirtschaftlichen Krise von historischen Dimensionen, muss man allerdings anderes erwarten. Etwa eine ungeschminkte Situationsbeschreibung, die schonungslose Analyse der Ursachen und darauf aufbauend die Benennung möglicher Handlungsstrategien und deren zeitliche Wirkungsfolge, das wären die Voraussetzungen dafür, einen politischen Wahrnehmungsprozess einzuleiten, an dessen Ende die gewachsene Erkenntnis stünde, dass es immer unser aller Schulden sind, die wir selber oder unsere Kinder abzahlen müssten. Und dass es darum an der Zeit ist, die bisher gewohnten Ansprüche auf das Bruttosozialprodukt einzuschränken.
Die gedankliche Vorbereitung auf die unweigerlich so oder so bevorstehende wirtschaftliche Fastenkur würde uns allen wohl dann leichter fallen, wenn wir mit einer hohen Wahrscheinlichkeit davon ausgehen könnten, dass wir nach einer überschaubaren Zeit wieder an unser bisheriges Verhalten anknüpfen könnten. So wie die Dinge liegen, sind wir von einem schnellen Aufschwung weiter entfernt als von der Gefahr einer erneuten Drehung in der Abwärtsspirale. Im Gegenteil verdichten sich sogar die Anzeichen dafür, dass wir in der Tat eine aussergewöhnliche, also historische Phase des wirtschaftlichen Niedergangs erst noch vor uns haben. Es wäre darum an der Zeit, sich frühzeitig d.h. möglichst sofort auf diese neuen Koordinaten einzustellen.
Bislang wird versucht, die Ursachen der Krise als Problem der Finanzwirtschaft zu isolieren von der sog. Realen Wirtschaft. Eine systemische Ursache wird dabei den Transaktionen zugewiesen, die man heute nur mit Abscheu gemeinhin als toxische oder Schrott‐Papiere brandmarkt, einstmals die Spitzenprodukte eines Financial Engeneerings, bei dem wie durch Zauberhand mathematisch exakt berechenbar das Risiko durch Verteilung auf Viele sich aufzulösen schien. Deren fachgerechte Endlagerung wird, so die weitverbreitete Hoffnung dem so befreiten Banksystem genügend Vertrauen und Stabilität zuzuführen. Dabei sind diese Papiere nur Produkte, die eine geradezu närrischen Epoche repräsentieren, deren Merkmale übersteigerte Renditevorstellungen ebenso waren wie der Glaube an die Berechenbarkeit und damit Beherrschbarkeit der Risiken. Unsere gesamte Wirtschaft, ob Real‐ oder Finanzwirtschaft haben sich im Rahmen eines allgemein vorherrschenden Meinungsspektrums betätigt, so dass Niemand sich schuldig und verantwortlich fühlen musste. In dieser „Ökonomie des unschuldigen Betruges“ wie es der Krisenkenner John Kenneth Galbraith in seinem gleichnamigen Essay benannte, haben sich viele betätigt. Nicht nur die bekannten Bank‐ und Fondsmanager, die um die höchsten Renditen wetteiferten. Dazu gehörten auch jene Hausbesitzer in den USA oder UK , die den jährlichen Wertzuwachs ihrer Immobilien als naturgegeben anzusehen begannen, bis hin zu den Stadtkämmerern von der schwäbischen Alb oder Wanne‐Eickel, die sich über CBL Transaktionen einen Batzen extra in die notorisch klammen Kassen leiteten. Und nicht zu vergessen waren es die Regierungen selbst, deren teils absichtsvolle Untätigkeit das Ausbreiten von Vorstellungen geduldet, teils sogar aktiv unterstützt haben, ein wachsender Wohlstand für alle sei möglich. Nur Narren glauben daran und diese wissen, dass nach der Session unweigerlich die Fastenzeit beginnt. Richten wir uns also darauf ein!