Sensibilisierte Allergiker kennen dies: schon kleinste Mengen eines spezifischen Reizstoffes können die Gefahr eines lebensbedrohenden Schocks auslösen. Innerhalb kürzester Zeit mobilisiert der Körper dann alle verfügbaren Abwehrkräfte gegen einen vermeintlich lebensbedrohenden, in Wirklichkeit aber zumeist harmlosen Fremdkörper. Diese groteske Überreaktion durchläuft in Sekundenschnelle alle Stadien der Immunabwehr, über den gesamten Körper verbreiten sich Juckreiz und Quaddeln, begleitet von Hyperventilation bricht der Kreislauf zusammen. Kurzum, das durch einen Fehlalarm mobilisierte Abwehrsystem wendet sich gegen den eigenen zu schützenden Körper. Als sofortige Gegenmassnahme wird zur Stabilisierung des Kreislaufs die Injektion von Adrenalin empfohlen, als langfristige Therapie soll eine dauerhafte De-Sensibilisierung helfen.
Betrachtet man den medialen Erregungspegel, ablesbar an den Aufmachern aller gängigen sog. „Leimedien“ wie Bild, BamS, Spiegel und die „Glotzen“, pardon, die üblichen TV-Talk-Runden aller einschlägigen Programme, dann scheint die Republik in den letzten Tagen nach Veröffentlichung des Sarrazin-Buches „Deutschland schafft sich ab“ sich genau in dem Zustand zu befinden, der dem oben beschriebenen in weiten Zügen ähnelt. Als habe der leibhaftige Gottseibeiuns die unschuldigen Wählerlämmer zur Verführung entführen wollen auf einen breiten Weg in Finsternis und Verderbnis nationalistischer, gar nazistischer Welten, donnern uns die Prediger der politisch- moralischen Correctness aus Kanzleramt, Parteibüros und öffentlich-rechtlich verfassten Medien mit den üblichen Kampfparolen zu, als sei die Republik ernsthaft dadurch in Gefahr, daß ein rhetorisch mässig begabter, ansonsten aber in Fakten offensichtlich bis zum Masochismus Verbohrter uns dieselben rechts wie links um die Ohren haut, auf dass uns endlich die rosarote Brille verrutscht, mit der wir in Mehrheit – so seine Analyse – uns die Wirklichkeit schön gesehen und natürlich auch geredet haben.
Genau genommen sind damit vornehmlich die Mitglieder unseres politischen Systems gemeint, denen Sarrazin „dringenden Anlass zum Handeln“ und „Möglichkeiten und Ansatzpunkte“ anempfiehlt und sein Buch als Beitrag dazu sieht – was ja dann auch gerne angenommen wurde, allerdings ganz anders als von ihm erhofft. Der öffentlich ex cathedra von Kanzlerin und Bundespräsident geforderte Rauswurf aus der Bundesbank und die parallelen Ausgrenzungsparolen von Partei und Medien haben offensichtlich in weiten Kreisen der Bevölkerung den Eindruck hervorgerufen und verstärkt, hier solle ein Unbequemer, weil die öffentlich verdrängten Wahrheiten Aussprechender, aus der Öffentlichkeit „weggesperrt“ werden. Immerhin hat dieser Vorgang nebenbei den Grauschleier von der angeblich politisch so unabhängigen Bundesbank gezogen und ihr Personal einmal mehr auf das erkennbar fehlbare Menschenmass reduziert, also diskussionswürdig gemacht.
Man muss nicht die unseligen, missverständlichen und inzwischen von Sarrazin bedauerten Äusserungen über das sog. „Judengen“ heranziehen, um den Wert seiner Intervention kritisch zu hinterfragen. Es gibt für viele Fachleute wohl Vieles zu kritisieren und zu hinterfragen. Dies schon allein deshalb, weil der Autor mit seinem Parforceritt durch die Geschichte von Jahrtausenden und die Erkenntnisse von Wissenschaften mehrerer Disziplinen so viele Diskurswege beschreitet, dass es schwierig ist, in dem Wust von Statistiken und dem Labyrinth von Argumenten den Begründungszusammenhang herzustellen, der die in Sarrazinischen Starkdeutsch verfassten Behauptungen
wissenschaftlich untermauern soll. Es sind aber wohl nicht in erster Linie die Wissenschaftler vom Fach, sondern die bildungsbeflissenen Bürger und lese- und einsichtsbereiten Politiker, an die sich das Buch wendet. Und wenn man die Umfragen als valide Stimmungsbarometer nimmt, dann bringt für viele in der Republik mit Sarrazin erstmals einer der Polit-Prominenz Dinge zur Sprache, die ihre Erfahrungen, Sorgen und Befürchtungen widerspiegeln, sich aber bisher kein ausreichendes Gehör verschaffen konnten.
Wem der „Sarrazynismus“ zuwider und Statistiken zu kalt sind, kann sich in dem Buch von Kirsten Heisig „Das Ende der Geduld“ Eindrücke von derselben Welt verschaffen, die Thilo Sarrazin mit zum Anlass seines Buches nahm. Auf weniger als der Hälfte der Seitenzahl wird hier an persönlich erlebten Fallbeispielen die grundsätzliche Problematik eindrucksvoll, zuweilen selbst in der abgekühlten Juristensprache erschütternd beschrieben. Es werden die in weiten Bereichen immer noch bestehenden Hindernisse aus der Politik und Bürokratie konkret nachvollzogen und die Möglichkeiten, Abhilfe zu schaffen ebenso konkret aufgezeigt. Es macht besonders vor dem Hintergrund der aktuellen Debatten, in denen einige Verantwortliche vollmundig vom Erfolg der eingeleiteten Massnahmen berichten, sehr nachdenklich zu lesen, welche Kraft es die Autorin gekostet hat und welche Hindernisse und von wem in den Weg gelegt wurden, um eine kleine Verbesserung im administrativen Vollzug durchzusetzen. Und es macht betroffen, dass als ihr Vermächtnis der Appell steht, jetzt rasch und kosequent (zu) handeln, unsere Rechts- und Werteordnung entschlossen durchzusetzen, wenn wir nicht den Kampf (!) verlieren und unsere Gesellschaft nicht aufspalten lassen wollen.
Das Ende der Geduld markierte bei Kirsten Heisig den Anfang ihres Handelns. Es ist längst Zeit, dass auch uns der Geduldsfaden reisst!