Die Retro-Republik

February 16th, 2010

Üblich ist der Blick zurück zum Jahreswechsel. Dafür gibt es bei uns die Neujahrsempfänge. Weil praktisch jede bedeutende Organisation inzwischen einen eigenen Empfang ausrichtet, dieser sich aber meist an dieselben Personenkreis richtet wie alle anderen, kommt es zur Stressfrage, wann wer wen wohin einlädt. Deswegen dauert es meist den ganzen Januar eines neuen Jahres, bis alle Empfänge gelaufen sind, das alte Jahr rundum bewertet und damit in die Vergangenheit entlassen werden kann. Spätestens im Februar ist daher Schluss, wird es dann doch speziell im Rheinland lustig, wenn der Karnevalsfrohsinn diktiert.

Diesmal ist vieles anders. Der Frohsinn will sich vielerorts nicht so richtig einstellen. In erster Linie hat das mit der Krise zu tun, nicht der Wirtschafts- oder der Bankenkrise. Es geht um das Grosse und Ganze, es geht um Alles bzw. nichts, kurzum es geht um die ersten Hundert Tage der Wunschkoalition. Diese waren nach einträchtiger Überzeugung der Mehrheit der Regierten so abschreckend, dass sich keiner so recht mehr vorstellen kann, warum es zu dieser Kombination von Gegensätzen überhaupt kommen konnte. Statt z.B. konsequent den Kurs einer schwäbischen Hausfrau einzuschlagen und Zeichen der beabsichtigten Sparsamkeit zu setzen, bläht sich der Regierungsapparat weiter auf und streut „Strüsscher“ und „Kammelle“ gezielt an willige Spender. Das rhetorische Gedonnere um das mickrige Wachstumsbeschleunigungsgesetz will nur das Pfeifen aus den letzten Schuldenlöchern überdröhnen, die sich all überall ausbreiten. Sie wachsen um die Wette und im Gleichklang mit der Furcht, dass das alles doch nicht hilfreich war.Die Steue4rn runter, die Schulden rauf, das ist ein Konzept aus Reagans Zauberkiste. Die Begeisterung dafür ist aber selbst in den USA nach den einschlägigen Erfahrungen mit einem Triple-Deficit bereits in den Clinton Jahren abgeklungen. Und das ist ja doch gefühlt ein Jahrhundert her.

Das offensichtliche Scheitern eines nur auf Deficit Spending und leichtem Geld abgestellten Wachstumskurses ist wohl immer noch nicht überall aus dem Apotherschränkchen der wirtschaftspolitischen Medizinmänner verschwunden. Wie sonst könnten Westerwelle und sein Brüderle so verbissen wie unbelehrbar und vor allem völlig an der Wählergunst vorbei an dieser untauglichen Rezeptur festhalten. Nicht nur in den USA, sondern in krassem Ausmass in Japan und jüngst und näher dran am Beispiel Griechenland ist abzulesen, was passiert, wenn man die Dinge treiben lässt und den medizinischen Kurzfristeinsatz zur langfristdroge mutieren lässt. Ohne begleitenden Strukturwandel, durch klare und richtungsweichende Rahmenbedingungen eindeutig vorgegeben, geht es nicht. Das haben z.B. die positiven Beispiele wie Schweden gezeigt, das sich mit harten und konsequenten Einschnitten aus einer drohenden Schuldenspirale befreien konnte.

In Deutschland nimmt inzwischen zurecht, wie ich meine, die Vermutung zu, dass es ohne einschneidende Kurskorrekturen und andererseits klare ordnungspolitische Zielsetzungen nicht mehr aufwärts geht. Wir drohen allen Massnahmen zum Trotz in einer lagen Stagnation zu verharren. Je nach Bezugspunkt sind wir ohnehin in der Wirtschaftsleistung auf ein Niveau zurückgefallen, das dem Stand von vor fünf bis zehn Jahren entspricht. Würden wir tatsächlich ernsthaft glauben, aus der Krise „gestärkt“ herauszukommen, müssten wir diese verlorenen Jahre durch ein überproportionales Wachstum versuchen aufzuholen. Aber selbst wenn uns das tatsächlich gelänge, nämlich dauerhafte Wachstumsraten von über 3 vH jährlich zu bekommen, bräuchten wir noch mehr als eine Legislaturperiode, um das Vorkrisenstatus wirtschaftlich zu erreichen, wenngleich mit dem Unterschied, dass wir einen deutlich höheren Schuldenberg mitschleppen, den abzutragen eine immer ausgedünntere Arbeitsbevölkerung bereit sein müsste. Es sind diese offensichtlichen Zumutungen an die wirtschaftliche Logik, die die Menschen umtreiben, und die sie von solchen Politikern entfernen, denen spätrömische Zustände als Erklärungsmuster näher liegen als die handgreiflichen Existenzängste von Industriearbeitern wie z.B. der Metallindustrie und des Maschinenbaus, deren Branchen durch das Fegefeuer einer weltweiten Absatzkrise gehen. Gerade hier werden akut jene Fragen gestellt, auf die die Politik glaubte, eine Antwort erst in irgendeiner Zukunft geben zu können, nämlich ob und in welchem Ausmass unsere Wirtschaft in ihren Strukturen auf die lünftigen Märkte vorbereitet ist. Es sind nicht nur die Unternehmen allein, die offensichtlich bislang nicht überall die richtigen Antworten gegeben haben. Die wachsende Zahl schwer in einen Arbeitsprozess integrierbaren Menschen verweist auch auf länger zurückliegende Defizite, z.B. bei der Integration, der modernen Familienpolitik, bei Bildung- und Ausbildungsförderung. Selbst wenn hinter den jetzt öfter zu vernehmenden programmatischen Äusserungen hierzu der tatsächliche Wille zum Umsteuern sich verbergen sollte, ist ebenso deutlich, dass er für ein „gestärktes“ Nachkriesendeutschland in absehbarer Zeit zu spät kommen wird. Wir müssen uns wohl noch ein wenig mit unserer selbstgebastelten Retro-Republik anfreunden!

Eine Lippe riskieren

December 3rd, 2009

Sie haben es wieder getan! Wer? Die Schweizer natürlich, sie haben das Volk direkt gefragt. Abgestimmt haben sie nicht über den weiteren Bau von Kernkraftwerken, Bahntrassen oder Autobahnen, es ging um den Bau weiterer Minarette. Mit dem Votum einer deutlichen Mehrheit am ersten Advent, zugleich auch Opferfest der Muslime, keinen weiteren Bau von Minaretten mehr zuzulassen, haben sie allerdings vielerorts nicht nur Anlass zu heftigen Debatten, etwa über Religionsfreiheit und die Wahrnehmung verfassungsmässiger Grundrechte gegeben. Über die Schweiz hinaus sind dabei auch andere grundsätzliche Fragen bedenkenswert, wie die nach der Fähigkeit von Politik und Medien Strömungen rechtzeitig und in der Dimension zu erkennen, abzubilden oder darauf zu reagieren. Denn das Wahlergebnis kam für alle Beteiligten offensichtlich völlig überraschend, hatten doch zuvor die Repräsentanten von Politik, Wirtschaft und gesellschaftlich gewöhnlich massgeblichen Kreisen in der Schweiz unisono genau vor den absehbaren Reaktionen eines solchen Entscheids gewarnt und damit geglaubt, einen ausreichend wirksamen medialen Sicherheitskordon um die Wählermeinung gezogen zu haben. Unterstützung für diese Einschätzung kamen wie üblich durch entsprechende Ergebnisse von Umfragen, die alles vorhergesehen und gesagt hatten, nur eben nicht diesen Beschluss. Dass sich das Wahlvolk die Freiheit genommen hat, dennoch anders zu entscheiden, könnte daher auf mindestens zweierlei verweisen: Die kommunikative Kluft zwischen weiten Teilen der Bevölkerung und ihrer politischen Repräsentanz war augenscheinlich noch selten so gross wie in diesen Fragen und die Tauglichkeit der Mittel und Möglichkeiten, dieses rechtzeitig zu erkennen und darauf zielgerichtet zu reagieren, denkbar gering. Um so drängender stellt sich jetzt Fragen wie die, welche zuverlässigen Indikatoren es gibt, die eine vergleichbaren Situation künftig besser durch entsprechend aussagekräftige Frühwarnsysteme vermeidbar machen könnte.

Dass dies eine auch in diesem Land virulente Fragestellung geworden ist, lässt sich schon allein an der ungewöhnlichen Dichte und Breite der Stellungnahmen und Interpretationsversuchen ablesen, mit denen man sich auch hierzulande einen Reim auf dieses Ereignis zu machen versucht. Dahinter verbirgt sich Kenntnis um die entscheidungsrelevante Bedeutung von gefühlten Trends. Denn ohne valides Wissen um Einstellungen und Stimmungen kann Politik keine Stimmen bekommen, zappen die Fernsehkonsumenten in unbekannte Kanäle, gehen Werbebotschaften ins Leere und wandern Kunden ab. Was im Normalfall leicht zu gewinnender Ertrag aus reflektierter Eigenbeobachtung, ergänzt um die einschlägigen Samples methodisch strukturierter Umfragen ist, erweist sich unter den gegenwärtigen Bedingungen als ausgesprochen schwierig. Offenbar verleiten die bislang gängigen Erhebungen zu fehlerhaften Interpretationen. Anders ist es wohl nicht zu deuten, wenn z.B. die Besorgnis in der Bevölkerung vor den sich türmenden öffentlichen Schuldenbergen messbar wächst, während noch andernorts eifrig für deren beschleunigtes Wachstum durch diskretionäre Steuererleichterungen gekämpft wird, oder wenn der Verteidigung unserer Demokratie im Hindukusch weniger Dringlichkeit zugemessen wird als die Verteidigung der von Abwanderung gefährdeten Arbeitsplätze in der Automobilindustrie.

Solche Befunde mit ihren erkennbaren Widersprüchlichkeiten finden allerdings erstaunlich geringen Widerhall in der durch die bekannten Leitmedien konstituierten Öffentlichkeit. Allein schon aufgrund ihrer geradezu ubiquitären Präsenz auf allen Kanälen und zu allen Sendezeiten ist die „Talk-Show“ zum Inbegriff urdeutscher Diskurskultur geworden. Unter strenger Aufsicht einer meist ansehnlichen Themendompteuse treffen dort Politiker auf Politiker und andere glattgeschliffene Meinungsschaffende, die versprochenen Vertreter der platten Wirklichkeit kommen als Trailer oder meist stumme Randgäste gelegentlich als Ausstattungsvarianten vor. In diesem selbstreferenziellen Aufmerksamkeitbeschaffungssystem wird nur der im Bewusstsein der Zuschauer Spuren hinterlassen, der mit seiner Empörungskompetenz alle anderen in den Hintergrund verdrängt, oder sein Themenmantra am sympathischsten lächelnd kameratauglich präsentiert. Was eigentlich Normalität sein sollte, gerät inzwischen zur als mediale Sensation gewürdigt Ausnahme: Die Änderung einer Meinung aus Einsicht in die Beweiskraft eines Arguments! Wenn die medial inszenierte Wirklichkeit zu stark und ohne Korrekturen von der realen Wirklichkeit abweicht, diese sogar dauerhaft aus der öffentlichen Wahrnehmung zu verdrängen versucht, handelt man sich nicht nur im politischen Geschäft Probleme der Fehlsichtigkeit ein. Es gibt gleiche Tendenzen deutlich auch in einigen Bereichen der Wirtschaft zu bemerken, in denen die Neigung zunimmt, kritische Fragestellungen z.B. auf den Hauptversammlungen im Wege einer durchgestylten Regie zu marginalisieren, Mitarbeiterbesorgnisse in Fotostrecken in Hochglanz-Magazinen zu verwandeln und Kundennöte als Problemfälle auszumustern.

Dass aus dieser einseitigen Betrachtungsweise durchaus ernst zu nehmende Probleme erwachsen können, hat schon vor nun über 20 Jahren der damalige Sprecher der Deutschen Bank Alfred Herrhausen zum Thema einer seiner Vorworte gemacht, die er allgemeinen Fragen widmend den Geschäftsberichten der Bank voranstellte. Ihn bewegte die ihn aufgrund eigener Erfahrungen sehr persönlich beschäftigende Frage, inwieweit die Mechanismen der Medien dazu verleiten, ein permanent auf Hochleistung getrimmtes und damit im Endeffekt falsches Bild von einer vorgeblich fehlerlosen Führungselite zu zeichnen. Aus seiner Sicht gehört in der Demokratie als unumgänglicher Korrekturfaktor der vorteilhaft ausgeleuchteten Darstellung ein von ihm als „kommunikativer Gegenverkehr“ bezeichnete ernsthafte Dialog gerade mit den Gegenpositionen dazu. Deswegen forderte er nicht nur in der Bank, sondern auch in den öffentlichen Diskussionen seine Gegenüber dazu auf, durchaus auch mal eine Lippe zu riskieren. Den begründete Widerspruch nicht nur als belebendes Element zu dulden, sondern als Lebenselexier einer offenen entwicklungsfähigen Gesellschaft einzufordern und zu praktizieren, mag vielleicht auch heute wie damals irritieren. Will man vor Überraschungen wie in der Schweiz besser gefeit sein, sollte man ihn mindestens tolerieren, zumal es ja nicht immer eine dicke Lippe sein muss!

Erwartungsmanagement in Krisenzeiten: Back to bleak

May 6th, 2009

Krisenzeiten sind ganz ohne Zweifel spannende Zeiten, insbesondere für die Kommunikation. In besonderer Weise werden dies die Verantwortungsträger in Politik und Wirtschaft empfinden, die im vollen Scheinwerferlicht der erwartungsvollen Öffentlichkeit agieren müssen. Auch dann, wenn Zurückhaltung, Vorsicht und Sachaufklärung geboten wäre, erzwingen die quasi mechanistisch ablaufenden Drehbücher von bestimmten Ereignissen die Bedienung von Erwartungen, die im Vorfeld aus unterschiedlichen Richtungen zwar in der Sache, aber doch um des angestrebten Effektes willen gemeinsam befeuert wurden. Herausragendes Beispiel für ein solches selbstgefertigte Inzenierungskorsett lieferte sehr anschaulich die Vorbereitung und Durchführung des sog. „Londoner Gipfels“. Von der Zusammenkunft der Verantwortungsrepräsentanten der 20 grössten Wirtschaftsnationen wurde nichts weniger erwartet, als klare Vertrauenssignale, die vom nahen Ende der weltweiter Krise künden sollten. Als visuelles Unterpfand der überall einbeschworenen Gemeinsamkeiten und des festen unverbrüchlichen Zusammenhaltes gilt unabänderlich nach wie vor das gemeinsame Foto der erschöpft aber insgesamt glücklich strahlenden Teilnehmer, die anschliessend eiligst auseinanderstieben, um für die jeweilige politische Heimtfront den eigenen unverwechselbaren Beitrag herauszustellen. Zurück bleiben in aller Regel ein Bündel weiter ungelöster Sachfragen, die in das bereits volle Gepäck der politischen Zuarbeiter, den sog. Sherpas, zur weiteren Behandlung gepackt wird, als Aufgabenstellung für den nächsten Gipfel.
Auch wenn es zu früh wäre, jetzt schon eine Bewertung des Londoner Gipfeltreffens abzugeben, zeichnet sich aber bereits jetzt schon deutlich ab, das diesmal die bisherige Gipfelroutine in mehrfacher Hinsicht verändert wurde. Das liegt nicht nur daran, dass sich das Umfeldklima am Tagungsort ungewohnt rauh und kühl zeigt, was nicht zuletzt der Tatsache geschuldet ist, dass London eines der Epizentren der Finanzkrise ist. Hier zeigen sich die bereits deutlich dramatische wirtschaftlichen wie auch gesellschaftliche Folgen ab, die wie ein Menetekel auf vergleichbare Entwicklungen in anderen Ländern wirken, sofern die Krise weiter anhält. Mit dem erstmaligen Auftritt von Barack Obama als Präsident auf einem solchen internationalen Parkett hat sich Gruppenzusammenkunft in eine 1 plus 19 Gruppe aufgespalten. Das liegt nicht nur an den gerade in Europa noch hohen und nicht wie in den USA infolge des täglichen Politikgeschäftes bereits auf irdische Massstäbe zurechtgestutzten Sympathiewerte, sondern wohl vor allem darin, dass sein Handlungskonzept und die kommunikativen Fähigkeiten, dafür Zustimmung zu organisieren, in vielfacher Hinsicht von den anderen Teilnehmern hervorsticht, namentlich den Vertretern europäischer Länder und hier als personifiziertes Gegenkonzept der Kommunikationsgestus von Angela Merkel. Der Kern der bisherigen Überzeugungskraft des Obama -Konzeptes besteht darin, dass er sich die Bewältigung der Krise als persönliche Aufgabe und mit allen Kosequenzen zu eigen gemacht hat. Daraus und aus dem Umfang und der Schnelligkeit der Massnahmen leitet sich auch die Wucht und die Kraft ab, mit der seinen Auftritt in seinem Land gestalten und seine Forderungen international wie z.B. an die anderen Teilnehmer des Londoner Gipfels untermauern kann. Während diese Krise immer noch kein Gesicht hat, weil sich die Verantwortlichen nicht zu ihrer Verantwortung bekennen, hat die Krisenbewältigung ein und nur ein Gesicht: das von Barack Obama. Alle anderen auf dem Gruppenfoto werden demgegenüber nur noch als historisches Beiwerk erscheinen, vorausgesetzt, diese Operation U-Turn gelingt, in den USA wird der Abwärtstrend gestoppt, und über die wieder erstarkte Konsumfähigkeit der amerikanischen Haushalte blüht auch der Export aus den Manufakturen von Deutschland bis China wieder auf. Geht diese Hoffnung nicht bzw. nicht so bald in Erfüllung, werden diejenigen Stimmen an Nahrung gewinnen, die vor denFolgen einer sich abzeichnenden Schuldenabhängigkeit warnen, in die sich die USA gerade auch international begeben würden.

Die entscheidende Qualität die ein Politiker heute nicht nur als Teilnehmer von Gipfeln, sondern auch in dem krisengeprägten Tagesgeschäft aufweisen muss, ist seine Fähigkeit als „Überzeugungsdienstleister“ oder „Vertrauensstifter“. Damit werden die notwendigen Fähigkeitsraster von Führungskräften um eine weitere wichtige Befähigung ergänzt. Es geht nicht mehr nur und zuvörderst darum, Politik oder eine Unternehmung in angemessenem Rahmen zu repräsentieren. In der Krise ist mehr denn je für die dauerhafte Wirksamkeit der Kommunikation , also dem Entstehen von Glaubwürdigkeit, Führung durch konkludentes Handeln angesagt, das umso intensiver und umfassender begründet werden muss, je deutlicher das Verhalten von dem bisher eingeübten und damit erwarteten sich unterscheidet. Betrachtet man die Einlassungen vieler unserer Politiker und Wirtschaftsführer in der letzten Zeit wird man des Eindrucks sich nicht erwehren können, als sei Krise immer noch das Thema der anderen. Während z.B. in den USA die Politik bereit ist, mit GM einen der grössten Arbeitgeber in die Insolvenz gehen zu lassen, scharen viele sich solidarisch um dessen Filiale Opel, wahrlich ein Fall der sog. Realwirtschaft, in der falsche Modellpolitik und Überkapazitäten den marktwirtschaftlich- systemischen Tribut zollen sollte.
Erst allmählich macht sich die Erkenntnis breit, dass der für 2009 von einigen noch für möglich gehaltene Aufschwung mit Sicherheit nicht mehr einstellen wird. Im Gegenteil ist wohl eher wahrscheinlich, dass wir uns mitten in der Wahl noch im vollen Abschwung befinden werden, der nach optimistischer Schätzung einen Rückgang von 5 v.H. des BIP ausmachen wird, eine Einschätzung, für die vor kurzem noch ein öffentliches Strafgericht fällig war. Wenn die Implikationen dieser Entwicklung sich auch in der betrieblichen Wirklichkeit abzuzeichnen beginnt, wird der bisherige Kuschelkurs auf eine harte Probe stehen, der in der Krise eine fast willkommene Chance für Veränderungen zu sehen glaubte. Die Veränderungen werden kommen, mit Wucht und Schnelligkeit. Gut, wer sich und seine Mitarbeiter oder Wähler bereits darauf eingestellt hat!

Von den Wahrheiten

March 5th, 2009

Die
 Beschäftigung 
mit 
der 
Wahrheit 
ist 
in
 mannigfacher 
Weise 
ein 
fester 
Bestandteil
 unserer 
Geistesgeschichte.
Während
 sie 
für
 die 
einen, 
darunter 
insbesondere 
die
 Kirchen
 und 

Philosophen, 
als
 unverrückbare 
Kategorie erscheint,
 relativieren
 andere 
die 
Unbedingtheit 
von
 Aussagen.
 Während 
sich 

die 
Physiker 
dabei
 auf 
berechenbare
Unschärfen 
im
 Erkenntnisprozess 
berufen 
können,
 dient
 die
 je 
nach 
Bedarf 
und 
Ziel 
granulierter
 Wahrheitsgehalt 
von
Aussagen 
dem
 Politiker,
 aber 
auch 
zunehmend 
den
 Wirtschaftführern 
und 
anderen 
in 
der
 Öffentlichkeit
 stehenden
Personen,
 vornehmlich 
der 
Durchsetzung 
von


 sorgsam 
verborgenen 
Interessen.
 Diesen
 Flexibilisierungsprozess 
der
besonderen
 Art 

kommt 
in 
aller 
Kürze 
in 
der
 Steigerungsformel 
zum 
Ausdruck, 
die 
dem
 Gründungskanzler 
unserer
Republik,
 Konrad
 Adenauer,
 zugeschrieben 
wird.
 Demnach 
ist 
die 
einfache 
Wahrheit 
von 
der
 vollen 
und 
der 
reinen Wahrheit 
zu
 unterscheiden, 
die 
man 
heute 
entsprechend
 dem 
ingesamt 
textilfreieren 
Ambiente 

sich
 wohl 
als 
nackt
vorzustellen 
hat.



Besonders 
anschauliche 
Ausdrucksformen

 für 
diese 
Sichtweise 
bringen 
regelmässig

 auch 
die 
Darbietungen 
zum
Vorschein,
 die
 vornehmlich 
entlang 
des 
Rheins 
während
 der 
sog. 
Fünften 
Jahreszeit 
in 
Wort 
und
 Motivwagen
öffentlich 
zelebriert 
werden.
 Die 
närrische 
Darstellungskunst
 konfrontiert 

den 
geneigten 
Betrachter 
mit
 einer 

oftmals

kraftvollen
 Aussageplastizität, 
die
Tatsachen 
in 
einer
 ungewohnt 
wuchtigen 
Poesie 

darbieten.

 So
 geschehen 
mit 
dem
preisgekrönten
 Motivwagen 
des 
Düsseldorfer
 Karnevalszuges 
der 
diesjährigen 
Kampagne,
 der 
unter 
dem 
Titel
„Kapitulierende 
Wölfin“
 die 
Kanzlerin 
beim 
Säugen
 von 
sechs
 Banken
 und 
Unternehmen 
zeigt.
 Das 
ist 
in
 deutlicher
Anspielung 
an 
die
 Gründungsgeschichte 
Roms 

eine 
plastische
 Aussage 
zu 
der 
Gefahr 
der 
Gründung 
eines
 Schuldenstaates 
durch 
Vervielfältigung 
der
 Staatsabhängigen.


Inzwischen 
zeigt 
sich 
immer 
deutlicher, 
dass
 diese 
närrische 
Prophezeihung 

einen
 keineswegs 
lustig 
zu 
nehmenden
 Wahrheitsgehalt 
zu 
bekommen 
scheint.
 Immer 
mehr 
Kostgänger 
wollen 
an 
die
 staatlichen 
Finanzquellen, 
teils
 notgedrungen, 
teils 
aber 
auch 
der
 Vorteilsgleichheit 

zum 
Wettbewerber
 willen,
 und
 ein 
Ende 
der 
Begehrlichkeiten
 ist
nirgends 
abzusehen. 
Das 
mag 
vielleicht
 auch 
daran 
liegen,
 dass 
es 

der 
Politik
 generell 
schwer 
fällt, 
nein 
zu 
sagen,
wenn 
es
 um 
Arbeitsplatzerhalt 
und 
damit
 Stimmgewalt 
geht. 
Umso 
mehr 
gilt 
dies 
in
 einer 

Situation, 
in 
der 
die
bevorstehenden
 Wahlen 
geradezu 

reflexartig 
die 
Politiker 
in

 eine 
Rolle 
zwängt,

 die 
ihn 
schon 
seit 
Ciceros
 Zeiten 
dazu
bestimmt, 

dem 
Wahlvolk
 vorher 
nur 
Annehmlichkeiten 
zu
 versprechen,
 die
 nach 
der 
erfolgreichen
 Wahl 
dann 
in
Vergessenheit 
geraten.


In
 einer 
Situation, 
in 
der
 wir 
uns 
nach 
dem
 allgemeinen
 Verständnis 
derzeit 
befinden,
 nämlich
 in 
einer 
wirtschaftlichen
 Krise 
von
 historischen 
Dimensionen, 
muss 
man
 allerdings 
anderes 
erwarten.
 Etwa 
eine
 ungeschminkte 
Situationsbeschreibung, 
die
 schonungslose 
Analyse 
der 
Ursachen 
und
 darauf
 aufbauend 
die
Benennung 
möglicher
 Handlungsstrategien 
und 
deren 
zeitliche
 Wirkungsfolge, 
das 
wären 
die
 Voraussetzungen 
dafür,
einen 
politischen
 Wahrnehmungsprozess 
einzuleiten, 
an
 dessen 
Ende 
die 
gewachsene 
Erkenntnis
 stünde,
 dass 
es

immer 
unser 
aller 
Schulden
 sind, 
die 
wir 
selber 
oder 
unsere 
Kinder
 abzahlen 
müssten.
 Und 
dass 
es 
darum 
an
 der 
Zeit
ist, 

die 
bisher 
gewohnten
 Ansprüche 
auf 
das 
Bruttosozialprodukt
 einzuschränken.


Die 
gedankliche 
Vorbereitung 
auf 
die
 unweigerlich
 so 
oder 
so 
bevorstehende
 wirtschaftliche 
Fastenkur 
würde 
uns
allen wohl 
dann 
leichter 
fallen, 
wenn 

wir 
mit

 einer 
hohen 
Wahrscheinlichkeit 
davon
 ausgehen 
könnten,
 dass 
wir 
nach
einer
 überschaubaren
 Zeit 
wieder 
an 
unser
 bisheriges
 Verhalten 
anknüpfen 
könnten.
 So
 wie 
die 
Dinge 
liegen,
 sind 
wir 
von 
einem
 schnellen
 Aufschwung 
weiter 
entfernt 
als
 von 
der 
Gefahr 
einer 
erneuten 
Drehung 
in
 der 
Abwärtsspirale.

 Im 
Gegenteil
 verdichten 
sich 
sogar 
die 
Anzeichen 
dafür,
 dass 
wir 
in 
der 
Tat 
eine 
aussergewöhnliche,
 also 
historische 
Phase 
des 
wirtschaftlichen
 Niedergangs 
erst 
noch 
vor 
uns 
haben.
 Es
 wäre 
darum 
an 
der 
Zeit, 
sich
frühzeitig 
d.h.
 möglichst
 sofort 
auf 
diese 
neuen
 Koordinaten
 einzustellen.


Bislang 
wird 
versucht, 
die 
Ursachen 
der
 Krise 
als 
Problem 
der 
Finanzwirtschaft 
zu
 isolieren
 von 
der 
sog. 
Realen
Wirtschaft.
 Eine 
systemische 
Ursache 
wird 
dabei 
den
 Transaktionen
 zugewiesen,
 die 
man 
heute
 nur 
mit 
Abscheu
gemeinhin 
als 
toxische
 oder 
Schrott‐Papiere
 brandmarkt, 
einstmals
 die 
Spitzenprodukte 
eines 
Financial
 Engeneerings,
 bei
 dem 
wie 
durch
 Zauberhand
 mathematisch 
exakt
 berechenbar 
das 
Risiko 
durch 
Verteilung
 auf
 Viele
sich 
aufzulösen 
schien.
 Deren
 fachgerechte 
Endlagerung 

wird, 
so 
die
 weitverbreitete
 Hoffnung
 dem 
so 
befreiten

 Banksystem 
genügend 
Vertrauen 
und
 Stabilität 
zuzuführen. 
Dabei 
sind 
diese
 Papiere 
nur 
Produkte,
 die 
eine 
geradezu
 närrischen 
Epoche 
repräsentieren, 
deren
 Merkmale 
übersteigerte
 Renditevorstellungen 
ebenso 
waren 
wie
 der
 Glaube
an 
die 
Berechenbarkeit
 und 
damit
 Beherrschbarkeit 
der 
Risiken.

 Unsere
 gesamte 
Wirtschaft,
 ob 
Real‐ 
oder
 Finanzwirtschaft 

haben 
sich 
im 
Rahmen
 eines 
allgemein 
vorherrschenden
 Meinungsspektrums 
betätigt,
 so 
dass
 Niemand 
sich 
schuldig 
und 
verantwortlich
 fühlen 
musste. 
In 
dieser 
„Ökonomie 
des
 unschuldigen 
Betruges“ 
wie 
es 
der
 Krisenkenner 
John 
Kenneth 
Galbraith 
in
 seinem 
gleichnamigen 
Essay 
benannte,
 haben 
sich 
viele 
betätigt. 
Nicht 
nur die bekannten 
Bank‐ 
und 
Fondsmanager, 
die
 um 
die 
höchsten 
Renditen 
wetteiferten.
 Dazu
 gehörten 
auch 
jene
Hausbesitzer 

in
 den 
USA 
oder 
UK
, 
die 
den 
jährlichen
 Wertzuwachs 
ihrer 
Immobilien 
als
 naturgegeben 
anzusehen
begannen, 

bis 
hin
 zu 
den 
Stadtkämmerern 
von 
der
 schwäbischen 
Alb 
oder 
Wanne‐Eickel,

 die
 sich 
über 
CBL
Transaktionen 

einen 
Batzen
 extra 
in 
die 
notorisch 
klammen 
Kassen
 leiteten.
 Und 
nicht 
zu 
vergessen 
waren 
es
 die
Regierungen 
selbst, 
deren 
teils
 absichtsvolle 
Untätigkeit 
das 
Ausbreiten 
von
 Vorstellungen
 geduldet, 
teils 
sogar 
aktiv
 unterstützt 
haben, 
ein 
wachsender
 Wohlstand 
für 
alle 
sei 
möglich. 
Nur 
Narren
 glauben 

daran 
und 
diese 
wissen, 
dass
nach
 der 
Session 
unweigerlich 
die 
Fastenzeit
 beginnt.
 Richten 
wir 
uns 
also 
darauf 
ein!


Auch wir können mehr

February 14th, 2009

Die Vereidigung von Barack Hussein Obama zum 44. Präsidenten der USA markiert einen historischen Moment von einer Tragweite . Damit erfüllte sich nicht nur der Traum vieler farbigen US-Amerikaner nach gleichberechtigter politischer Teilhabe .Die Millionen Teilnehmer der Zeremonie in Washington und die nach Milliarden zählenden Zuschauer in aller Welt hat dieser Tag in dem Glauben bestärkt, wenn sie nur entschlossen genug angepackt werden, dass alle Probleme lösbar seien. Das Obama Motto „Yes, we can“ ist inzwischen zu einem weltweiten politischen Muntermacher mutiert . Indem Obama die in der Tat gewaltigen Probleme schonungslos ansprach, die Lösung als notwendige Verpflichtung aller beschrieb, hat er in geradezu mustergültiger Weise das getan, was der römische Staatsmann Cicero schon vor 2000 Jahren als unerlässliche Vorraussetzung für den Zusammenhalt eines Gemeinwesens betrachtete und mit Concordia Omnia , heute würde man „Wir-Gefühl“ sagen, bezeichnete. Gerade in einer breit ausgefächerten Gesellschaft ist der Zusammenhalt durch das gemeinsame Verständnis von Grundwerten wichtig, in einer Krise geradezu lebenswichtig. Dieses Wir-Gefühl hat aber nur dort Bestand, wenn,wie Cicero feststellte, das Leitungspersonal des Staates durch Reden ,Tun und moralische Integrität überzeugen.

Auch wir haben allen Grund, unserer Gemeinwesen dahingehend zu überprüfen. Oder könnten wir uns angesichts der verherenden Integrationsbefunde etwa vorstellen, eine Kanzlerin mit türkischem Migrationshintergrund zu wählen? Noch geniessen unsere demokratischen Strukturen und die sie repräsentierenden Politiker einen Vertrauensvorschuss. Sollten die konjunkturellen Care-Päckchen allerdings ihre Wirkung doch verfehlen, und der von einigen befürchtete Krisentsunamie in diesem Jahr über die Wirtschaft hinwegrollen, könnte sich dies zu einem wirklichen Stabilitäts-Test unserer politischen Strukturen hierzulande, aber auch in Europa erweisen. Die immer noch lodernde Protestwelle in Griechenland, könnte der Funke für flammende Proteste Kernländern Europas sein. Die an den Märkten sich aufspreizenden Risikoprämien für die Euroländer sprechen eine deutliche Sprache.

Es muss aber der Politik zugute gehalten werden, dass ihr ein zusätzliches Mass an Verantwortung unfreiwillig aufgenötigt wurde durch das eklatante Versagen gosser Teile der Führungselite unserer Wirtschaft, angeführt von den Vertretern der Finanzwirtschaft. Fern sind jene Zeiten, in denen sich diese Führungskräfte auch der gesellschaftlichen Verantwortung und der daraus abgeleiteten Verpflichtung zum öffentlichen Diskurs gestellt haben. Das öffentlich wahrgenommene Bild von unserer Wirtschaftselite wird derzeit stattdessen in einer geradezu frappierenden Häufigkeit von strafbewehrten Handlungen wie Steuerhinterziehung, Korruption, Insiderhandel, Bespitzelung etc. geprägt. Und sei es nicht schon für das Selbstverständnis demütigend genug, dass sich Banken in die Schutz-Haftung des Staates begeben müssen, um überleben zu können, wird dieses Zerrbild komplettiert durch die Hybris einst braver Familienunternehmer, die sich ebenso verzockt haben wie andere Teilnehmer des Casino-Kapitalismus.

Es kann unter diesen Umständen wohl kaum noch wundern, dass die Zustimmung zur Marktwirtschaft in der Bevölkerung deutlich abgenommen hat. Dramatisch ist auch der Befund einer jüngsten Studie des BDI, dass sich immer weniger Beschäftigte mit dem eigenen Unternehmen identifizieren. Gerade in unserer wissensbasierten Gesellschaft stellt Motivation und Eigeniniative ein unverzichtbares Kapital dar, dessen Wert gar nicht hoch genug einzuschätzen ist. Wenn aber dieses für unsere markwirtschaftliche Ordnung wichtigen Multiplikatoren sich durch innere Kündigung abwenden, weil sie z.B. in ihrer täglichen Arbeit nicht mehr ausreichende Wertschätzung erfahren und keine Gestaltungsräume für eigenverantwortliches Handeln bekommen, wenn sie sich stattdessen zu misstrauisch kontrollierten Ausführungsgehilfen von Planungsvorgaben eingekästelt sehen, und überdies selbst beste Ergebnisse keinen Schutz gegen die allfälligen Rationalisierungswellen geben, dann ist Handeln dringend geboten. Wenn wir unsere inzwischen über Jahrzente entwickelten Werte einer weltoffenen modernen Gesellschaft auch in Zukunft erhalten wollen, ist das Vorbild vom „ehrbaren Kaufmann“ unvollständig, denn es geht um mehr als nur individuelle moralische Fehltritte. Notwendig sind dazu grundlegende strukturelle Veränderungen., die darauf abzielen, dass z.B. nachhaltiges umweltbezogenes Wirtschaften gleichberechtigtes Unternehmensziel sein muss wie die für die Eigentümer zu erwirtschaftende Rendite. Auch die Motivation der Mitarbeiter sowie eine glaubwürdige transparente Kommunikation gehören als Werttreiber anerkannt, übrigens nicht nur in den Diskussionen der Fachleute, sondern explizit in das Aufgabenheft von Analysten und Rating-Agenturen. Und selbstverständlich gehören sie daher auch in den Wertekodex des Corporate-Government-Kodex, der derzeit sowieso überarbeitet wird.

Wenn wir wollen, dass wir aus dieser Krise gestärkt hervorgehen, müssen wir diese Chance jetzt und hier nutzen, unser Gemeinwesen auf der Grundlage neuer und gefestigter Beziehungen weiter zu entwickeln. Und es bedarf einer dazu angemessenen öffentlichen Ansprache, um diesen neuen Consensus zu befestigen,: Public Relations für die guten Beispiele machen, Foren für Diskurse bilden, Mitarbeiter in Prozesse einbinden, es gibt viele Wege. Sie alle beginnen mit dem ersten Schritt. Und der Überzeugung, wir können es!